Lebendigkeit spüren

Vor kurzem habe ich den spannenden Artikel «Leaders Underestimate the Value of Employee Joy»1 der Harvard Business Review gelesen über etwas, das in Leadership und Unternehmen massiv unterschätzt wird: Freude. Nicht oberflächlicher Spass oder künstliche gute Stimmung. Sondern echte Freude. Lebendigkeit. Verbindung.

Der Artikel beschreibt, wie stark Freude Kreativität, Lernen, Innovation und Vertrauen beeinflusst und dass viele Führungskräfte genau das unterschätzen.

Und ehrlich gesagt sehe ich das ständig. Ich würde noch hinzufügen, das wird nicht nur von Führungspersonen unterschätzt, sondern von als Gesellschaft. Die meisten Menschen leben unglaublich stark im Kopf. Besonders Menschen mit viel Verantwortung. Sie denken, analysieren, organisieren, funktionieren, planen, reflektieren und tragen sehr viel. Teams, Familien, Unternehmen, Entscheidungen, Emotionen anderer Menschen. Viele davon sind hoch intelligent, reflektiert und leistungsfähig.

Und gleichzeitig spüre ich oft, wie weit sie sich dabei langsam von sich selbst entfernen. Der Körper wird irgendwann nur noch etwas, das mithalten soll. Gefühle werden analysiert statt wirklich gefühlt. Kreativität wird bewertet, bevor sie überhaupt entstehen darf. Und Lebendigkeit wird ersetzt durch Kontrolle. Dabei merken viele gar nicht, wie erschöpft sie eigentlich davon sind, ständig alles im Kopf lösen zu wollen.

Genau deshalb liebe ich die Arbeit in Bewegung, in der Natur und mit Improvisation so sehr. Weil Menschen (mich inkludiert) dort oft wieder etwas erleben, das sie lange nicht mehr gespürt haben: sich selbst.

Letzte Woche durfte ich eine Session für einen Creative Entrepreneur Lean In Circle begleiten. Danach schrieb mir eine Teilnehmerin:

“Pia led a wonderful session for our Creative Entrepreneur Lean In Circle last week. It was AMAZING. The idea was simple and brilliant: spend time in nature and learn some improv techniques, opening our minds and creativity through something new for almost all of us. We had so much fun, observed a few interesting and surprising behaviors of our minds and body, shared and laughed together. Pia is kind, playful, and quietly inspiring, and I really hope our paths cross again soon ❤️”

Francesca Poggi

Und genau das berührt mich an dieser Arbeit so sehr.

Wir haben dort nicht komplizierte Modelle analysiert oder versucht, möglichst effizient zu sein. Im Gegenteil: Wir haben erlebt. Uns bewegt. Gespiegelt. Gleichzeitig gesprochen. Improvisiert. Gelacht. Beobachtet, wie schnell unser Kopf bewertet und wie viel entsteht, wenn wir ihm nicht permanent die Kontrolle überlassen und gleichzeitig konnten wir so unsere Muster schneller erkennen, ohne viel Aufwand.

Es fasziniert mich immer wieder, wie viel Intelligenz im Körper vorhanden ist. Wie viel Menschen wahrnehmen, sobald sie langsamer werden. Wie kreativ Menschen plötzlich werden, wenn sie nicht sofort perfekt sein müssen. Wie viel Verbindung entsteht, wenn jemand nicht performt, sondern wirklich präsent ist.

Und vielleicht ist genau das eines der grössten Missverständnisse unserer Zeit: dass wir glauben, wir müssten alles zuerst verstehen, bevor wir es erleben dürfen.

Dabei entstehen viele wichtige Dinge nicht im Denken allein, sondern im Spüren.

  • …in Bewegung.
  • …im Kontakt.
  • …im gemeinsamen Lachen.
  • …im Moment.

Menschen erinnern sich selten nur daran, was jemand gesagt hat. Sie erinnern sich daran, wie sie sich in der Präsenz dieser Person gefühlt haben. Ob sie sich sicher gefühlt haben: Lebendig. Gesehen. Offen. Verbunden. Deshalb ist Freude für nicht oberflächlich. Sie ist auch kein „Extra“, das man sich gönnt, wenn alles andere erledigt ist. Freude verändert, wie Menschen denken, lernen, führen, entscheiden und miteinander in Beziehung gehen. Und vielleicht brauchen viele Menschen in dieser Zeit nicht noch mehr Input, Strategien oder Optimierung. Vielleicht brauchen sie zuerst wieder mehr Verbindung zu sich selbst.

Mehr Räume, in denen nicht alles bewertet wird…Sondern mehr:

  • Körper.
  • Natur.
  • Echte Begegnung.
  • … und ja MEHR Lebendigkeit.

Denn Veränderung beginnt nicht dort, wo wir mehr nachdenken, das haben wir ja schon probiert. Sondern dort, wo wir aufhören, uns selbst die ganze Zeit zu kontrollieren, zu beobachten und mal wieder einfach zu machen, lebendig im Moment etwas zu kreieren und dann im Nachgang zu schauen was dabei herausgekommen ist.

  1. https://hbr.org/2026/03/leaders-underestimate-the-value-of-employee-joy ↩︎