Persönlicher Text: Wie heisst meine Partitur?
Ich bin mit zwei starken Kräften auf die Welt gekommen: Begeisterungsfähigkeit und Sensibilität. Beides war immer da.
Als Kind war ich elektrisiert von Bewegung, Entdecken, Führen – strahlend auf dem Trottinett, neugierig in der Schule, leicht im Lernen, hungrig nach Sinn. Musik war früh mein Zugang: Querflöte, Rhythmus, Klang. Ich spürte mich. Gleichzeitig lernte ich sehr früh, mich über Leistung zu definieren, mich zu kritisieren, Fehler zu suchen – als ob Exzellenz Sicherheit gäbe. In einem Haus, in dem Worte rar waren und Gefühle schwer einzusortieren, begann ich zu übersetzen: Stimmungen lesen, Lücken füllen, Ordnung schaffen. Meine Sensibilität wurde zur Antenne, meine Begeisterung zum Motor – nur ohne klare Erdung brannten beide schnell heiss.
Die Pubertät war das erste grosse Verstummen meines Feuers. Rückblickend war es keine Leere aus dem Nichts, sondern eine Integrationszeit: mein System suchte Halt, während ich neue Intensitäten, Abschied (der Tod meines Grossvaters), neue Freundschaften und Grenzerfahrungen erlebte. Essen, Rauchen, Alkohol – Versuche, den inneren Lärm zu regulieren, ohne die Sprache dafür zu haben. Ich verlor Musizieren und Ballett und fand die Musik nur noch auf der Tanzfläche. Heute sehe ich: Nicht ich war „falsch“. Mir fehlte ein Rahmen, in dem Begeisterung, Sensibilität und Ruhe gemeinsam Platz haben.
Im jungen Erwachsenenalter setzte sich das Muster fort: starke Anziehung zu Bühne, Menschen, Nacht, Freiheit – und dann die Abstürze. Beziehungen, in denen ich Nähe wollte, aber meine Grenzen noch nicht kannte. Studienentscheidungen, die mehr den Wünschen anderer entsprachen als meinem inneren Kompass. Und doch: In all dem blieb ein stiller Faden. Psychologie, Philosophie, die grossen Fragen – sie liessen mich nicht los. Ich habe immer gesucht: nach Sinn, nach Echtheit, nach einem Leben, das sich richtig anfühlt.
Sport wurde mein zweites grosses Regulativ: Laufen, Triathlon, Langlauf. Disziplin gab Struktur; Bewegung erdete, hob meinen Blick und stabilisierte mein Nervensystem. Ohne es zu benennen, begann ich, mein Dopamin-System klug zu bedienen: über Rhythmus, Natur, Körper. Ich wurde klarer. Der Alkohol verschwand. Ein erstes grosses Bild: Ich kann mich führen.
Die Liebe mit Matt öffnete einen neuen Raum. Wärme, Präsenz, ein Feuer, das nicht verbrennt. Reisen, Projekte, ein gemeinsamer Marathon – und später der Abschied von seiner Mutter: schmerzhaft, aber auch eine Erfahrung von Tiefe und tragfähiger Fürsorge. In Indien fand ich wieder zur Stille, zum Singen, zur Philosophie – mein Körper wurde weicher, mein Blick nach innen liebevoller. Ich sah deutlicher, wie sehr ich Struktur, Stille, Verbindung und Musik brauche, um meine Intensität gesund zu halten.
Beruflich tastete ich mich heran. Es gab Stationen, die mich im Umfang forderten, aber innerlich und inhaltlich austrockneten. Immer wieder dieses deutliche „Hier stimmt etwas nicht“. Heute weiss ich: Das war mein System, das ohne Begeisterung keinen Treibstoff hat. Als ich im Mental-Health-Kontext ankam, ging innerlich ein Licht an: Sinn, Wirkung, Resonanz.
Dann Schwangerschaft, Geburt – ein Cocon, in dem Zeit und Raum anders wurden. Mit dem Abstillen kam ein grosses Low: Tränen, Erschöpfung, viele Ängste und eine Depression. Damals fühlte es sich wie Scheitern an – heute sehe ich eine notwendige Neuordnung nach einer tektonischen Verschiebung meines Lebens. Aus dieser Tiefe wuchs etwas Fundamentales: Ich muss mein Leben so bauen, dass meine Verdrahtung gesund wirken kann.
Ich nannte es mein Authentizitäts-Projekt. Gespräche, Reflexion, Auseinandersetzung mit Bedürfnissen. Und dann das, was eigentlich immer da war: Coaching. Ich sprach es laut aus, probierte, lernte – und fühlte mich zuhause. Bühne, Stimme, Präsenz, Tiefe – alles durfte zurückkehren, jetzt geerdet.
Natur wurde mein Arbeitsraum, Bewegung Teil der Methode. Ich gründete Positive Coaching, erst als Einzelfirma, dann als GmbH. Ich verabschiedete mich von Formaten, in denen die Begeisterung fehlte, auch wenn sie von aussen attraktiv wirkten. Ich sagte Ja zu dem, was mich wirklich lebendig macht.
Der Tod meines Vaters war ein weiterer Knoten im roten Faden. Trauer, Klärung, Grenzen. Ich verstand noch tiefer, wie viel Fremdgefühl und ungelebtes Leben ich über Jahre getragen hatte – Gefühle, die nicht meine waren, Rollen, die nicht zu mir passten. Ich lernte, Belastendes liebevoll zurückzugeben. Und ich lernte, was ich brauche, damit mein Inneres gut klingt: viel Schlaf, Wasser, wenig Kaffee, tägliche Bewegung draussen, Musik und Musizieren, klare Grenzen, ehrliche und tiefe Beziehungen, Stille, jeden Tag was Neues lernen. On repeat.
Wenn ich heute – kurz vor meinem 36. Geburtstag – auf die Bilder meines Lebens blicke – das strahlende Kind, die Flötistin, die Nächte in den Clubs mit meinen Mädels, die Athletin, die weinende junge Mutter, die Frau die abends begeistert Selbstgespräche führt auf einem Spaziergang durchs Quartier, die Positive Leadership Coach im Wald –, höre ich ein einziges Werk. Kein Wirrwarr, sondern ein Orchester.
Meine Begeisterungsfähigkeit ist das Feuer, das Themen anhebt, Räume öffnet, Menschen berührt. Meine Sensibilität ist die Antenne, die feine Schwingungen aufnimmt und dem Ganzen Tiefe gibt. Die Ruhe ist der Boden, der alles trägt, die Pausen zwischen den Tönen.
Musik ist nicht Metapher allein – sie ist mein Zugang zur Neurochemie meiner Lebendigkeit. Sie entzündet, bewegt, reguliert. Bewegung macht das Erleben körperlich wahr und führt die Energie zurück in einen gesunden Fluss. Auf der Bühne verbindet sich alles: Klang, Wort, Körper, Resonanz.
Die Krisen? Sie waren keine Brüche, sondern Übergänge. Lows waren keine Leere, sondern Integrationszeiten: mein System, das sich neu sortiert, damit die nächste Phase wahr und kraftvoll werden kann. Jeder Umweg war Probenarbeit. Jede Träne ein Stimmen der Instrumente. Jedes „Nein“ zu Unstimmigem ein „Ja“ zu mir.
Was daraus geworden ist, ist klar und einfach: Ich baue mein Leben so, dass mein inneres Orchester gut spielen kann. Ich ehre die Begeisterung, anstatt sie zu dämpfen. Ich hüte meine Sensibilität, anstatt sie zu überfordern. Ich kultiviere Stille, Humor und Leichtigkeit, damit die Musik atmen kann. Ich arbeite in Bewegung und Natur, weil dort mein System am besten klingt. Und ich nutze Bühne, Stimme und Gespräch, um das zu tun, was ich tief liebe:
Menschen in ihre eigene Musik zu begleiten – mit Klarheit, Mut, Präsenz und Freude.
Alles, was ich jetzt weiss, war immer schon da.
Heute hat es Sprache, Form und einen Raum, in dem es wirken darf. Ich bin die Dirigentin meines Orchesters.
Und die Partitur heisst ☺️☺️: Begeisterung, Sensibilität, Ruhe – integriert zu einem Leben, das stimmt.
